Seit dem vergangenen Winter hat sich etwas auf meinem Balkon verändert. Eigentlich fing alles ganz harmlos an: ein paar Meisenknödel, ein wenig Streufutter, ein neugieriger Blick aus dem Fenster. Doch mit der Zeit wurden die Besuche regelmäßiger – und aus gelegentlichen Gästen wurden vertraute kleine Persönlichkeiten.

Vor allem die Blau- und Kohlmeisen schienen meinen Balkon fest in ihren Tagesablauf einzuplanen. Morgens flatterten sie vorbei, mittags saßen sie kurz auf dem Geländer, abends suchten sie noch einmal nach einem letzten Snack. Ich begann, sie zu unterscheiden – an ihrem Verhalten, an ihrer Ungeduld, an der Art, wie sie sich dem Futter näherten. Was ursprünglich nur als kleine Unterstützung gedacht war, wurde zu einer täglichen Freude.

Die Idee vom Zuhause auf dem Balkon

Irgendwann reifte ein Gedanke: Warum ihnen nicht mehr bieten als nur Futter? Im Keller stand noch ein alter Nistkasten, bisher eher dekorativ genutzt und längst vergessen. Ich holte ihn nach oben, betrachtete ihn eine Weile – und beschloss, ihm eine neue Aufgabe zu geben.

Ganz unkompliziert war das allerdings nicht. An der Fassade durfte nichts angebohrt werden, und so begann die Suche nach einer passenden Halterung. Es dauerte, ich probierte aus, verwarf Ideen, suchte weiter. Doch irgendwann war es geschafft. Der Nistkasten hing – ruhig, geschützt und mit Blick ins Grüne.

Nistkasten

Zu spät? Das dachte ich zumindest

Es war bereits Ende Mai. Ehrlich gesagt hatte ich kaum noch Hoffnung, dass in diesem Jahr noch jemand einziehen würde. Die Brutzeit schien mir schon weit fortgeschritten, und ich rechnete fest damit, dass der Nistkasten einfach hängen bleiben würde – als Vorbereitung für das nächste Jahr.

Doch dann kam alles anders.

Keine drei Tage später tauchte ein Kohlmeisenpaar auf. Erst vorsichtig, dann immer selbstbewusster. Sie flogen an, schauten hinein, klopften an den Wänden, verschwanden wieder. Ich beobachtete das Ganze aus der Ferne – mit angehaltenem Atem.

Kohlmeisen am Nistkasten

Das Haus wird geprüft

Über mehrere Tage hinweg wurde der Nistkasten genau inspiziert. Es war faszinierend zu sehen, wie gründlich die beiden vorgingen. Nichts wurde dem Zufall überlassen. Und dann, ganz plötzlich, änderte sich ihr Verhalten: Sie kamen nicht mehr nur zum Schauen – sie brachten Material mit.

Kleine Äste, feine Gräser, Moos. Stück für Stück entstand ein Nest. Ich hatte das Gefühl, Zeugin von etwas sehr Intimem zu sein, etwas, das normalerweise verborgen bleibt.

Vom Ei bis zur Aufzucht

Nach etwa einer Woche war das Nest vollendet. Kurz darauf lag das erste Ei darin, und mit jedem weiteren Tag kamen neue hinzu, bis schließlich fünf kleine weiße Eier mit feinen braunen Sprenkeln im Nest lagen. Jeder Blick in den Nistkasten fühlte sich an wie ein stilles Versprechen – voller Hoffnung und Erwartung.

Ende Juni wurde dieses Versprechen eingelöst. Drei der fünf Eier schlüpften. Winzig, nackt und mit geschlossenen Augen lagen die Küken im Nest, vollkommen abhängig von ihren Eltern. Kaum zu glauben, dass aus diesen zerbrechlich wirkenden Wesen in nur etwa 20 Tagen flugfähige Vögel werden sollten.

Von da an bestimmte Bewegung den Alltag. Die Eltern waren unermüdlich unterwegs, flogen im fast 15-Minuten-Takt heran und brachten alles, was sie finden konnten: Raupen, Insekten, kleine Happen. Die Küken wuchsen sichtbar, bekamen Federn, wurden kräftiger – und vor allem lauter.

Erst am Abend kehrte etwas Ruhe ein. Dann saßen die Eltern oft still in der Nähe des Nistkastens, als würden sie kurz durchatmen, bevor am nächsten Morgen alles wieder von vorn begann.

Der große Moment

Mitte Juli kam der Abschied. Einer nach dem anderen wagte den Sprung ins Leben – der erste Flug hinaus aus dem sicheren Nistkasten. Ich beobachtete es mit gemischten Gefühlen: Stolz, Staunen, ein kleines bisschen Wehmut.

Plötzlich war es ruhig.

Ein Wunsch für die Zukunft

Ich wünsche den kleinen Untermietern einen wundervollen Start ins Leben. Vielleicht werden sie im Winter wieder hierher zurückkehren. Ich würde mich freuen, sie erneut an meiner Futterstelle begrüßen zu dürfen.

Bitte mit Respekt beobachten

Während der gesamten Brut- und Aufzuchtzeit habe ich außen und innen Kameras genutzt, um die Vögel nicht zu stören. Bitte schau niemals einfach in einen Nistkasten hinein – auch gut gemeinte Neugier kann für die Tiere großen Stress bedeuten.

Nistkasten selbst bauen oder kaufen

Wer handwerklich geschickt ist, kann einen Nistkasten auch selbst bauen und dabei Größe, Holzstärke und Aufbau individuell anpassen. Wichtig ist dabei vor allem ein wetterfestes Holz, ausreichend Wandstärke und ein passendes Einflugloch für Kohlmeisen oder Blaumeisen. Der NABU stellt dafür ausführliche und artgerechte Bauanleitungen zur Verfügung, die sich gut für Kohlmeisen und Blaumeisen eignen.

Wer keinen eigenen Nistkasten bauen möchte, findet auch fertige Modelle, die sich gut als Schlafplatz im Winter eignen. Ein einfacher Nistkasten aus Holz (Amazon)* bietet Schutz vor Wind und Nässe und lässt sich auch am Balkon anbringen.

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Mehr über Kohlmeisen

Wenn du noch tiefer eintauchen möchtest: Kohlmeisen sind nicht nur faszinierende Beobachtungsobjekte, sondern auch echte Helfer im Garten und auf dem Balkon. Sie vertilgen Unmengen an Schädlingen wie Blattläusen und lassen sich mit einfachen Mitteln gut unterstützen – zum Beispiel mit einem DIY-Vogelfutterplatz.