Diese Frage kommt immer mal wieder, wenn es um Balkongarten und Selbstversorgung geht. Manchmal ganz direkt, manchmal eher zwischen den Zeilen:

Kannst du dich mit deinem Balkon eigentlich selbst versorgen?

Ich nehme mir dann gern einen Moment und erkläre, wie ich meinen Balkongarten sehe. Er war nie als Projekt gedacht, sondern immer als Ort. Ein Ort ohne Zielvorgabe und ohne Erwartung, an dem nichts erreicht werden muss, sondern einfach wachsen darf.

Die ehrliche Antwort ist also einfach: Nein.
Ich versorge mich nicht selbst. Und ich habe es auch nie vorgehabt.

Selbstversorger Balkongarten

Ein Balkon ist kein Acker

Mein Balkon ist begrenzt. Nicht winzig, aber klar begrenzt. Jede Pflanze braucht ihren Platz, jeder Topf ist eine Entscheidung. Licht fällt unterschiedlich, Wind weht mal stärker, mal kaum. Es gibt Ecken, in denen alles wächst – und andere, in denen ich jedes Jahr aufs Neue hoffe.

All das macht Planung schwierig. Und Verlässlichkeit fast unmöglich.

Ein Acker folgt anderen Regeln – ein Balkon lebt vom Improvisieren.

Ich könnte versuchen, alles exakt abzustimmen. Sorten auswählen, Zeiten berechnen, Erträge hochrechnen. Aber schon der nächste heiße Sommer, ein verregneter Juni oder ein paar stressige Wochen im Alltag würden diesen Plan wieder kippen.

Und ehrlich gesagt: Ich möchte mich darauf gar nicht verlassen müssen.

Selbstversorgung Balkongarten mit Kräutern

Warum ich nicht in Erträgen denke

Natürlich freue ich mich über jede Tomate. Über jeden Salat, der es geschafft hat. Über Kräuter, die ich schneiden kann, wann immer ich möchte. Aber ich denke nicht in Mengen. Nicht in „reicht das“. Und nicht in „das müsste doch mehr sein“.

Sobald ich anfange, Pflanzen nach ihrem Ertrag zu bewerten, verändert sich mein Blick. Dann sehe ich nicht mehr, wie sie wachsen, sondern nur noch, was sie liefern. Dann wird aus Vorfreude Erwartung. Und aus Erwartung schnell Enttäuschung.

Ich möchte auf meinen Balkon gehen und schauen, nicht rechnen. Ich möchte beobachten und nicht vergleichen.

Rotkohl

Genuss statt Optimierung

Manche Pflanzen auf meinem Balkon bringen erstaunlich viel hervor. Andere kämpfen sich durch die Saison. Und dann gibt es diese Pflanzen, die einfach nur da sind, weil ich sie schön finde. Weil sie mir gefallen. Weil sie eine Stimmung mitbringen, die ich mag.

Mein Balkongarten darf unperfekt sein. Er darf zu voll sein. Er darf ineffizient wirken. Er darf erlebbar sein.

Schmetterling

Ergänzen statt ersetzen

Was mein Balkongarten sehr gut kann, ist ergänzen.
Ein paar frische Kräuter, die ich jederzeit ernten kann. Tomaten, die intensiver schmecken, weil ich sie habe wachsen sehen. Ein Salat, der sich besonderer anfühlt, weil er nicht selbstverständlich ist.

Aber der Balkongarten ersetzt nichts.

Ich plane mein Essen nicht nach dem Balkon. Ich kaufe weiterhin Lebensmittel und entscheide unabhängig davon, was gerade draußen wächst. Genau dadurch bleibt alles leicht. Ich muss nichts verwerten, nur weil es da ist. Ich darf ernten, wenn es passt – oder es einfach noch wachsen lassen. Dass ich dadurch oft später ernte, gehört für mich ganz selbstverständlich dazu – darüber habe ich auch im Beitrag „Ernte aufschieben: Wenn der Balkongarten geduldiger ist als ich“ geschrieben.

Flower Sprout

Kosten, Nutzen – und warum ich trotzdem nicht rechne

Natürlich kostet ein Balkongarten auch etwas. Töpfe, Erde, Pflanzen, Saatgut – und natürlich Wasser. Meistens mehr, als das, was am Ende tatsächlich auf dem Teller landet. Rein rechnerisch lohnt sich das alles also nicht besonders.

Aber ich habe gemerkt, dass ich den Nutzen an einer ganz anderen Stelle sehe.

Ich weiß, was ich da draußen habe. Ich weiß, wie lange es gewachsen ist, wie viel Sonne es bekommen hat und wann ich es geerntet habe. Jede Tomate, jedes Blatt Salat ist nicht einfach nur ein Lebensmittel, sondern Teil eines Prozesses, den ich begleitet habe.

Und genau darin liegt für mich der eigentliche Wert. Die Freude, wenn etwas gelingt. Das Verständnis dafür, dass nicht alles selbstverständlich ist.

Am Ende geht es mir nicht darum, ob sich mein Balkongarten rechnet.
Er rechnet sich nicht in Geld oder Ertrag, sondern in Aufmerksamkeit, Wertschätzung und Freude.

Rosmarin schneiden

Freiheit statt Verpflichtung

Sobald ein Balkongarten zur Pflicht wird, verändert sich etwas. Dann wird aus Freude Verantwortung, aus Lust ein Muss. Dann steht man draußen und denkt nicht mehr: Wie schön, sondern: Das müsste ich eigentlich.

Das möchte ich nicht.

Mein Balkon soll ein Ort bleiben, an dem ich durchatme. An dem ich mich freue, auch wenn nicht alles gelingt. An dem Dinge scheitern dürfen, ohne dass es sich wie Versagen anfühlt.

Laterne

Balkongarten: Keine Selbstversorgung

Vielleicht könnte ich mehr ernten. Vielleicht könnte ich effizienter pflanzen, genauer planen, konsequenter sein.
Aber ein Balkongarten eignet sich für mich ohnehin kaum zur echten Selbstversorgung. Dafür eignet er sich umso mehr, um zu lernen: wie Lebensmittel wachsen, wie viel Zeit sie brauchen und wie wenig davon selbstverständlich ist.

Mein Balkongarten ist kein Projekt für Selbstversorgung. Er ist ein Ort für kleine Ernten, große Freude und viel Gelassenheit.

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