(oder: Warum ich immer zu viel vorziehe)
Eigentlich hatte ich einen Plan.
Ich ziehe vor, ernte zeitnah und esse alles frisch auf. Klingt gut, oder?
Die Realität auf meinem Balkon sieht dann oft ein bisschen anders aus. Ich ziehe viel vor. Sehr viel sogar. Salate, Kräuter, Gemüse – alles wächst, alles gedeiht. Und dann passiert etwas Merkwürdiges: Ich freue mich so sehr daran, dass es da draußen wächst, dass ich am Ende weniger esse als geplant. Das Aufschieben der Ernte beginnt.
Nicht, weil es mir nicht schmeckt. Sondern weil dieser Gedanke kommt:
„Ach, das wird da draußen ja nicht schlecht.“
Der Luxus eines lebenden Kühlschranks
Der Balkongarten ist irgendwie der entspannteste Kühlschrank der Welt. Nichts welkt von heute auf morgen, nichts drängt, nichts macht Stress.
Die Tomate kann noch hängen bleiben.
Der Salat wächst einfach weiter.
Die Kräuter? Die sehen morgen auch noch gut aus.
Und genau das ist der Punkt: Weil alles noch Zeit hat, schiebe ich das Ernten auf.
Dann kommt der Alltag dazwischen. Arbeit, Termine, Müdigkeit, andere Ideen fürs Essen. Und plötzlich sind drei Tage vergangen, ohne dass ich das geerntet habe, was eigentlich „dran gewesen wäre“.
Zwischen Erntefreude und Aufschieberitis
Manchmal stehe ich auf dem Balkon und denke: Eigentlich müsste ich jetzt mal ordentlich ernten.
Aber dann siegt die Freude am Anblick. Es ist einfach schön, wenn alles noch wächst, blüht und lebt. Fast zu schön, um es abzuschneiden.
Und so entsteht dieser innere Konflikt:
- ich ziehe viel vor, weil ich es liebe
- ich plane ambitioniert, weil es theoretisch passt
- ich esse weniger davon, weil der Balkon Geduld hat
Und dann sind da noch die kränkelnden Pflänzchen
Fast noch schlimmer als das Aufschieben der Ernte sind diese einen Pflanzen.
Du weißt schon – die, die eigentlich nicht so richtig wollen.
Ein Blatt ist gelb. Das Wachstum stockt. Irgendwie sieht alles nach „wird wohl nichts mehr“ aus.
Aber ich bringe es nicht übers Herz, sie aufzugeben. Stattdessen denke ich:
Vielleicht braucht sie nur noch ein bisschen Zeit. Oder mehr Sonne. Oder weniger. Oder einfach meine Geduld.
Also bleibt sie stehen. Woche für Woche. Und nimmt Platz ein.
Hoffnung frisst Balkonfläche
Auf dem Balkon ist Platz Mangelware. Jeder Topf zählt. Und trotzdem räume ich lieber anderen Pflanzen keinen Raum frei, als dieses eine kränkelnde Pflänzchen aufzugeben.
Das Ergebnis ist meistens absehbar: Es wird nichts mehr. Aber sie durfte alles versuchen. Manchmal frage ich mich, ob mein Balkongarten eher ein Anzuchtort oder ein Reha-Zentrum für Pflanzen ist.
Warum ich es trotzdem immer wieder mache
Rational wäre es, konsequent zu sein. Platz schaffen. Neu pflanzen. Weiterziehen.Aber Balkongärtnern ist für mich nicht nur effizient. Es ist auch Hoffnung, Beobachtung und dieses „Vielleicht ja doch“.
Und selbst wenn es am Ende nichts wird: Ich habe der Pflanze Zeit gegeben. Und mir selbst auch.
Kein Problem – sondern Teil des Ganzen
Früher habe ich mich darüber ein bisschen geärgert. Heute sehe ich das entspannter.Mein Balkongarten ist kein Ernährungsplan. Er ist ein Ort zum Freuen, Beobachten und Mitwachsen.
Wenn ich weniger esse als gedacht, ist das kein Scheitern. Es heißt nur, dass ich gerade mehr genieße als verwerte. Und vielleicht ist genau das der große Vorteil eines Balkongartens:
Er verzeiht. Er wartet. Und er macht keinen Druck.
Mein Lernprozess gegen das Aufschieben der Ernte
Was ich langsam lerne:
- lieber kleiner planen, statt alles auf einmal vorzuziehen
- öfter kleine Ernten, statt auf „den perfekten Moment“ zu warten
- akzeptieren, dass nicht alles sofort auf dem Teller landen muss
- kränkelnde Pflanzen auch mal entfernen, selbst wenn es mir schwerfällt
Und manchmal darf ein Salat einfach nur schön sein. Auch das zählt.









